Beleuchtung für Demenzkranke.

Studie aus dem Altenheim St. Katharina in Wien.
Anlass für die umfangreiche Untersuchung im Alten- und Pflegeheim St. Katharina in Wien war, dass in verschiedenen Altenheimen zum Teil eher zufällig bemerkt wurde, dass ein höherer Lichteintrag durch eine veränderte Beleuchtung zu positiven Effekten auf Wohlbefinden und Sozialverhalten der Bewohner führte. Dies wurde beispielsweise in Mülheim („Haus Ruhrgarten“) oder in Bremerhaven („Haus im Park“) systematisch durch den Einbau von Lichtdecken genutzt. Es kann vermutet werden, dass mit einer geeigneten Beleuchtung eine Positivspirale erzeugt wurde: Erhöhung sozialer Aktivitäten führt zu größerer Müdigkeit, was wiederum einen erholsameren Schlaf bewirken sollte und damit zu positiven Folgen für die mentale und emotionale Verfassung.
Peter Dehoff

Demenz

Es gibt eine Reihe unterschiedlicher Demenzarten, wobei die weitaus häufigste die vom Alzheimertyp ist (ca. 80 %). Degenerative Demenzen verlaufen progredient, das heißt, über mehrere Stadien sind Verschlechterungen zu beobachten, die vom Ausmaß der Beeinträchtigungen abhängig sind. Gerade die zunehmend auftretenden Verhaltensauffälligkeiten – z. B. Sundowning: abendliche/nächtliche Unruhe, Tagesmüdigkeit, Desorientiertheit – lassen vermuten, dass hormonelle Prozesse involviert sind und der circadiane Rhythmus beeinträchtigt ist. Dies wird unter anderem auf eine zu geringe Lichtexposition zurückgeführt [vgl. 2]. In St. Katharina geht es darum, diesen Mangel auszugleichen und zu ermitteln, welche Beleuchtungskonzepte eine positive Wirkung auf Demenzkranke haben – insbesondere mit Blick auf den Einfluss auf den circadianen Rhythmus. Auch wenn der progrediente Verlauf wahrscheinlich nicht gestoppt wird, so besteht aber doch berechtigte Hoffnung, ihn abzumildern.


Der Aufenthaltsraum im Altenheim St. Katharina in Wien.

Untersuchungskonzept

Im Rahmen der Totalsanierung von St. Katharina in Wien wurde eine Wohngruppe speziell für maximal dreizehn Demenzkranke eingerichtet. Damit sollte ein auch für das Haus neues Pflegekonzept realisiert werden, das schon in ähnlicher Weise in einer Reihe von Häusern auch in der Bundesrepublik erfolgreich eingesetzt wurde und wird [z.B. 3]. Die Totalsanierung bot die Gelegenheit, ein neues Beleuchtungskonzept zu realisieren, das die systematische Untersuchung unterschiedlicher Beleuchtungsszenarien auf das Wohlbefinden und Verhalten der Bewohner ermöglichen sollte. Vorgabe des Heims sowie der Wunsch der Angehörigen war dabei, die Bewohner nach Möglichkeit nicht mit Messungen zu behelligen, die Wohnlichkeit des Wohn-/Essbereichs so wenig wie möglich zu beeinträchtigen und die Arbeit der Pflegekräfte möglichst nicht zu stören. Weder auf die Zusammensetzung der Bewohner noch der Pflegekräfte kann Einfluss genommen werden.

Abläufe

Unter diesen Bedingungen wurden die Fragestellung der Untersuchung zunächst sehr global formuliert: Welche Beleuchtungskonzepte bewirken eine Verbesserung des Wohlbefindens demenziell erkrankter Bewohner? Dem liegt zunächst die Annahme zugrunde, dass Licht überhaupt einen positiven Effekt auf das Wohlbefinden hat, was grob verkürzend beschrieben u.a. der Steuerung des Melatoninhaushalts und damit des circadianen Rhythmus (verbesserter Schlaf, damit verbesserte Erholung, damit verbesserter kognitiver und psychomentaler Status) geschuldet ist [4]. Ziel ist es nun, genauere Informationen darüber zu erhalten, welche Parameter sich auf das Wohlbefinden der Bewohner in welcher Weise auswirken. Das Beleuchtungskonzept als unabhängige Variable wurde dahingehend genutzt, dass neben der Standardsituation (Normbeleuchtung) als Referenz insgesamt drei Lichtsituationen realisiert werden. Dabei beinhaltet die Lichtsituation 1 eine statische Erhöhung der Intensität (von 300 Lx auf 2200 Lx), Lichtsituation
2 eine statische Veränderung der Lichtfarbe (von 3000 K auf 6500 (Flur) bis 8000 K (Wohn-/Essbereich) und Lichtsituation 3 eine dynamische Veränderung der Intensität und Lichtfarbe in Abhängigkeit vom Tagesverlauf. Die Beleuchtung wird automatisch gesteuert. Der Verlauf beginnt am morgen und endet um 18 Uhr um keine abendliche Störung zu verursachen. Weder Bewohner noch Pflegepersonal können tagsüber eingreifen. Bei den Leuchten handelt es sich um zehn Lichtdeckenmodule mit je 12 Lampen (4 x 3000 K, 4 x 6500 K und 4 x 8800 K. Die Wände werden mit Strahlern akzentuiert, die auch in den Abendstunden eine warme, gemütliche Beleuchtung ermöglichen.


Bilder 2 und 3: Die Lichtdecke im Aufenthaltsbereich lässt Lichtstimmungen zu, in denen die Farbtemperatur zwischen 3.000 K und 8.000 K und die Beleuchtungsstärke bis max. 3.000 lx variiert werden können. Die Verwendung der abhängigen Variablen des „Wohlbefindens“ der Bewohner erwies sich insgesamt als noch komplexer, da dieses ja nicht direkt erfragt werden kann. Daher werden umfassend Daten gesammelt, sowohl über Personen als auch über Technik (Sensoren). Die Beobachtungen des Beobachters erfolgen für jeweils alle Bewohner, die sich im sozialen Bereich der Station aufhalten (Wohn-/Essbereich, Terrasse, Flur) im 10-Minuten-Takt, jeweils täglich von 8.30 bis 12.30 Uhr und 14.30 bis 17.30 Uhr.

Erste Ergebnisse und Ausblick

Die Untersuchungen laufen seit August 2007 und werden in 2009 fortgesetzt. Im Folgenden werden einige Ergebnisse aus den Beobachtungs- und Sensordaten vorgestellt. Im Wesentlichen sind Grundlage für die ersten Ergebnisse die Beobachtungen zum Aufenthalt der Bewohner im Sozialbereich der Wohngruppe. Hierzu wurde ein Aktivitäts-Index bestimmt: Das heißt, hier wurde ermittelt, ob die Personen, wenn sie sich im Sozialbereich aufhalten, ihre Position beibehalten oder durch die Station wandern. Diese Daten wurden auch mit Hilfe einer aufwendigen Sensorik ermittelt. Zunächst lässt sich festhalten, dass es mehr oder weniger aktive Bewohner gibt, wie die folgenden Abbildungen zeigen. Die Bewohnerinnen 1032a und 1050a weisen einen relativ hohen Aktivitätsindex auf. Sie sind beide vergleichsweise selten in ihren Zimmern und halten sich überwiegend im Sozialbereich auf. Die Bewohnerin 1031a hält sich ebenfalls sehr häufig im Sozialbereich auf, sitzt aber meistens auf ihrem „Stammplatz“. Bei mehreren Personen sind deutliche Veränderungen zu beobachten, bei einer eine Zunahme der Aktivität und den meisten anderen eine mehr oder minder deutliche Reduzierung der Aktivität. Betrachtet man die Einzelperson wird offenkundig, dass die Aktivität gleichmäßiger wird (Abb. 1).

Ausblick

Auf der Basis der bisher ausgewerteten Daten ist es noch zu früh, um zu Schlussfolgerungen zu kommen. Festhalten lässt sich bis jetzt, dass Effekte der Beleuchtung zu beobachten sind. In Bezug auf Kommunikation und soziale Aktivitäten sind sie als positiv anzusehen. Leider kann über ein verbessertes Schlafverhalten nur bedingt eine Aussage getroffen werden. Sowohl die Bewohner als auch das Pflegepersonal reagieren auf die Beleuchtungssituation. Dabei gibt es Grenzen, denn eine reine Erhöhung der Beleuchtungsstärke und Farbtemperatur führen auch zu kritisch Rückmeldungen über grelles Licht. Günstiger ist der veränderliche Verlauf von Helligkeit und Farbtemperatur über den Tag. Für die Beleuchtung wurden ein erheblich höherer Installationsaufwand sowie höhere Betriebskosten einkalkuliert. Rechnet man die Kosten auf die Bewohner um, so ergibt sich ein Mehraufwand von ca. 1,45 € pro Bewohner und Tag. Diesem Mehraufwand stehen ein geringerer Medikamentenverbrauch sowie eine bessere Lebensqualität der Bewohner entgegen. Die Studie: Das Projekt wird gefördert durch das österreichische Bundesministerium für Arbeit und Soziales, Projektträger ist das Kompetenzzentrum Licht in Aldrans (Tirol/Österreich) und wird realisiert im Altenheim St. Katharina der Barmherzigen Schwestern unter Beteiligung der Unternehmen Zumtobel AG, Osram AG, der Bene Consulting ges. GmbH, Frau DDrs. Marina Kojer sowie der privaten Universität UMIT Hall (Tirol/Österreich).

Literatur

[1] H. Förstl, H.-D. Schweiger: Demenz. Grundlagen. Diagnostik. Formen.
GOVI-Verlag Pharmazeutischer Verlag, Eschborn, 2007
[2] U. Kastner, R. Löbach: Handbuch Demenz.
Elsevier Urban & Fischer, München/Jena 2007
[3] E. Kasten, C. Utecht, M. Waselewski: Den Alltag demenzerkrankter Menschen neu gestalten.
Schlütersche Verlagsgesellschaft, Hannover, 2004
[4] R. J. Reiter, J. Robinson: Melatonin. Droemer Knaur, München, 1996
[5] K. Bieske, O. Dierbach, Evaluation des Einsatzes von tageslichtähnlichem Kunstlicht in der gerontopsychiatrischen Pflege und Betreuung Hochbetagter.
Tagungsband Licht 2004 (2004), 108 ff.
[6] M. Brach, W. Ehrenstein, O. Dierbach: Lichtmanagement in der Altenpflege.
Tagungsband Licht 2004 (2004), 40ff.

Zumtobel Licht GmbH
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